Interview mit der Arbetarbildning

Vor einigen Monaten reisten Vertreter der schwedischen Gruppe Arbetarbildning durch die Bundesrepublik um linke Gruppen und die politische Arbeit in Deutschland kennen zu lernen. Dabei hatten wir als Rote Szene Hamburg die Möglichkeit uns länger mit den Genossen aus Schweden zu unterhalten. Auf Grundlage des Gespräches ist dieses Interview entstanden, das neue Einblicke in unsere Arbeit und die Geschichte unserer Gruppe gewährt. In einiger Zeit soll das Gegeninterview veröffentlicht werden, mit dem wir dem deutschsprachigen Publikum einen Einblick in die politische Arbeit in Schweden gewähren möchten. Dabei werden die Genossen unter anderem zu ihrer These, Schweden sei das Land mit dem (historisch) am wenigsten entwickelten Klassenkampf weltweit, befragt.

Das Interview in kompletter Länge findet ihr unter folgendem Link.
( https://linksunten.indymedia.org/de/node/68246 ) Ansonten könnt ihr auch unter „mehr“ das gesamte Interview nachlesen.

Wann und wie wurde eure Organisation gegründet?

Im November 2008 und Juni 2009 fanden in Deutschland Bildungsproteste statt. Höhepunkt waren jeweils Demonstrationen parallel in vielen deutschen Städten, die bessere Bedingungen für Schüler und Studenten forderten. Die Demonstrationen fanden bewusst während der Schulzeit statt, weswegen die Aktionen auch „Bildungsstreik“ genannt wurden. Es wurde dazu aufgerufen nicht in die Schule zu gehen, sondern gemeinsam an den Demonstrationen teil zu nehmen; vergleichbar mit einem Streik von „normalen“ Arbeitern. Am 17. Juni 2009 beteiligten sich deutschlandweit 270.000 Personen an den Demonstrationen in etwa 110 Städten. Davon waren in Hamburg 13.000 Leute auf der Straße. In den meißten Fällen verboten die Schulleitungen ihren Schülern an den Demonstrationen teil zu nehmen oder für diese Werbung zu machen. Es wurde z.B. mit Schulverweisen gedroht. Dass trotzdem so viele junge Menschen auf die Straße gingen hätte vorher niemand gedacht.

In vielen Städten gab es Vorbereitungskreise, die die Aktionen in ihrer eigenen Stadt organisierten. Das Ganze wurde bundesweit in einem Bündnis koordiniert. In den Vorbereitungskreisen saßen verschiedene politische Gruppen und Einzelpersonen.

In Hamburg lernten sich im Vorbereitungskreis einige Schüler kennen, die später die Rote Szene Hamburg gründeten. Wir hatten gemeinsam, dass wir uns nicht nur für Themen wie „freie Bildung“ interessierten, sondern auch an anderen politischen Themen wie etwa „Antifaschismus“ Interesse hatten. Wir fingen an politisch zu diskutieren, gemeinsam auf Demonstrationen zu gehen oder politische Veranstaltungen zu besuchen. Es entwickelte sich unter uns der Konsens, dass gesellschaftliche Defizite wie etwa im Bildungsbereich ihren Ursprung in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung haben. Unsere Gruppe wuchs schnell an interessierten Personen, die unsere Einschätzung teilten und politisch aktiv werden wollten an und gründete dann im Sommer 2009 die Organisation „Rote Szene Hamburg“, wie sie jetzt bekannt ist. Dabei wollten wir bewusst eine eigene Organisation gründen, da wir uns nicht mit bereits in Hamburg vorhandenen Organisationen identifizieren konnten.

Auf welcher politischen Grundlage basiert euer Zusammenhang?

Zu Anfang einte uns vor allem der Gedanke eine Jugendgruppe aufzubauen, die linke Politik einer breiteren Masse von Jugendlichen zugänglich machen sollte. Als Grundlage für unsere politische Arbeit haben wir im Dezember 2009 unser Selbstverständnis veröffentlicht, das nach vorherigen Diskussionen entstanden ist. Über die Jahre haben wir viele Texte zu verschiedensten Themen veröffentlicht, an Aktionen teilgenommen, selber Aktionen organisiert und die Gruppe intern strukturiert. Alles wird im Vorfeld besprochen, jedes Mitglied kann sich äußern, an den Aktivitäten der Gruppe beteiligen und hat dieselben Möglichkeiten und Verpflichtungen. Seit längerer Zeit findet innerhalb der Gruppe eine intensive Auseinandersetzung mit verschiedenen politischen Inhalten statt. Als Ergebnis unserer Diskussionen und Arbeitsprozesse wird demnächst ein neues Selbstverständnis veröffentlicht, das sich detaillierter mit verschiedenen Themen beschäftigt und auf Grundlage von marxistischen Erkenntnissen erarbeitet wurde. Die Besinnung auf den wissenschaftlichen Sozialismus und das Bedürfnis junge Menschen an Politik heran zu führen und ihnen eine Möglichkeit zu bieten politisch aktiv zu werden eint unsere Gruppe. Daraus leitet sich auch die politische Praxis unserer Gruppe ab.

Was unterscheidet euch von anderen politischen Gruppen in eurer Umgebung?

Wir denken, dass vor allem unser Konzept offen für junge und interessierte Menschen zu sein unsere Gruppierung auszeichnet. So sollte es zumindest sein. Wir bekommen öfters von Leuten zu hören, dass sie es toll finden, dass wir uns nicht an einem subkulturellen Szenekodex orientieren und versuchen sie in unsere Arbeit einzubinden.

Auf welche Schwerpunkte ist eure politische Arbeit konzentriert?

Momentan finden interne Umstrukturierungen statt, die vor allem damit zu tun haben, dass die Gruppe wächst und viele Mitglieder mittlerweile mit der Schule fertig sind. Wir machen uns darüber Gedanken wie eine effiziente Bildungsarbeit in und außerhalb der Gruppe aussehen kann. Die letzte Zeit waren wir vor allem mit einzelnen Events wie dem revolutionären 1. Mai in Hamburg und dem Naziaufmarsch am 2. Juni in Hamburg beschäftigt.

Welches sind eure kurzfristigen und längerfristigen Ziele?

Wir merken, dass viele Leute Interesse an linker Politik haben, jedoch eine große Hemmschwelle besteht auf Organisationen und Personen zuzugehen. Sie haben Angst Fehler zu machen und nicht akzeptiert zu werden. Linke Strukturen sind oftmals sehr verschlossen, was auch mit staatlicher Repression zu tun hat. Unsere Organisation muss Ansprechpartner für politisch interessierte junge Menschen in Hamburg werden.

Das langfristige Ziel einer revolutionären Organisation kann einzig und allein der Aufbau der kommunistischen Partei lauten. Sie ist nicht nur notwendig, sondern auch die einzige Möglichkeit. Davon sind wir in Deutschland aber noch weit entfernt. Wie wichtig es ist eine funktionierende kommunistische Organisation zu haben, die zu aktuellen Themen Stellung bezieht, in gesellschaftliche Kämpfe eingreift und an die sich die unterdrückten Massen orientieren, haben Linke in ganz Europa in den letzten Jahren merken können. Vor allem in Zeiten der Krise gibt es immer wieder ein sehr starkes Interesse an linken Ideen. Leider können die meißten Organisationen und Bewegungen in Europa dieses Potenzial nicht richtig auffangen und schaffen es nicht attraktiv auf die Menschen zu wirken. Das kommunistische Manifest ist beispielsweise das 3. meist verkaufte Buch der Welt! Es besteht also durchaus ein reales Interesse den Kapitalismus zu hinterfragen und zu überwinden.

Was sagt ihr zum antifaschistischen Kampf? Wichtigkeit, Perspektiven und Zweck?

Wir sehen die Ursache des Faschismus im kapitalistischen System, dementsprechend kann ein antifaschistischer Kampf nur ein antikapitalistischer sein. Der antifaschistische Kampf war und bleibt immer ein wichtiger Teilbereich kommunistischer Arbeit, der je nach historisch-gesellschaftlicher Situation mehr oder weniger bedeutend ist. Der Antifaschismus ist eine gute Möglichkeit vor allem junge Menschen zu politisieren oder MigrantInnen in Kämpfe und Organisation einzubinden.

Was sagt ihr zum antimilitaristischen Kampf? Wichtigkeit, Perspektiven und Zweck?

Die antimilitaristische Arbeit ist ein wichtiger Teil in einem Land wie Deutschland, das Hauptimperialistenmacht in Europa ist. Den aufstrebenden imperialistischen und militaristischen Ambitionen Deutschlands (das immer selbstbewusster als international agierende Militärmacht auftritt) können wir am besten entgegentreten, indem wir die revolutionäre Bewegung im Inland stärken. Zeitgleich müssen wir uns aber mit fortschrittlichen Bewegungen weltweit solidarisieren und unseren Kampf mit diesen vernetzen. Imperialistischer Krieg ist eine gute Möglichkeit den Menschen die Widersprüchlichkeit und Unmenschlichkeit des Kapitalismus vor Augen zu führen.

Wie agitiert ihr?

Wir haben jeden Dienstag im internationalen Zentrum B5 (der Name steht für Brigittenstraße Nr. 5) im Stadtteil St. Pauli unser Cafe. Das Cafe ist öffentlich, dorthin können Interessierte kommen und sich über unsere politische Arbeit und die Gruppe informieren. Wenn jemand in unserer Gruppe aktiv werden möchte, kann man sich dort gegenseitig kennen lernen, an unseren Aktivitäten teilnehmen und mit uns diskutieren. Es gibt auch viele Menschen im Umfeld der Gruppe, die uns unterstützen und mit unserer Arbeit sympathisieren, aber nicht selbst innerhalb der Gruppe aktiv sind. Wir versuchen individuell auf die Personen einzugehen.

Wie finanziert ihr eure Arbeit?

Geld wird unter anderem durch Mitgliedsbeiträge, das Cafe am Dienstag oder Partys eingenommen. Linke Strukturen in Deutschland finanzieren sich oftmals durch Partys und Veranstaltungen, bei denen z.B. Getränke verkauft werden.

Seit der Weltfinanzkrise 2008 gab es mehrere Massenprotestaktionen in Deutschland wie letztens erst Blockupy in Frankfurt. Wie seht ihr diese Bewegung und was denkt ihr über ihre Perspektiven?

Zum einen ist es natürlich positiv, für kapitalismuskritische Positionen solch eine breite Masse an Menschen mobilisiert zu haben. Ebenso bildet sie einen guten Ausgangspunkt um Menschen weitergehend zu politisieren und ihnen revolutionäre Positionen zu vermitteln. Gleichermaßen müssen wir jedoch ganz klar sagen, dass es sich bei Blockupy als Ganzes für uns um keine revolutionäre Bewegung handelt. Zwar gibt es innerhalb dieser Bewegung revolutionäre Strömungen, jedoch bilden diese nicht das Fundament. Für uns als Marxisten ist die pluralistische und großenteils reformistisch geprägte Blockupy Bewegung fraglos nicht revolutionär. Dennoch freuen wir uns zu sehen, dass sich eine derartig große Menge an Menschen nicht nur kritisch mit den Auswirkungen des Kapitalismus auseinandersetzen, sondern auch bereit sind dagegen auf die Straße zu gehen und ihrer Wut Ausdruck zu verleihen.

So wie wir es sehen ist die Repression gegen die revolutionäre Bewegung in Deutschland recht stark. In welchen Formen wird diese Repression deutlich und wie geht ihr damit um?

Wir haben bereits einen Artikel über konkrete Repression gegen unsere Gruppe in unserer Zeitschrift „Rote Info Nr. 2“ veröffentlicht. (zu lesen unter http://www.scribd.com/roteszenehamburg) Personen aus dem Umfeld unserer Gruppe wurden z.B. mehrfach von der Polizei observiert und es wurden umfangreich die Strukturen unserer Gruppe ausgespäht. Bei vielen Leuten aus unserem Umfeld haben Polizisten an der Haustür geklingelt und wollten sich auch mit den Eltern unterhalten. Unsere Demonstrationen werden von zahlreichen Polizisten begleitet und immer wieder angegriffen. Oftmals gibt es mehr Polizisten als Demonstranten.
Den Einschüchterungsversuchen, juristischen und physischen Angriffe vom Staat halten wir unsere Kollektivität und Solidarität entgegen. Auf Demonstrationen sind wir darauf vorbereitet uns zu verteidigen. Wir finanzieren die Anwaltskosten oder Strafen von GenossInnen. Natürlich gibt es auch technische Sicherheitsmaßnahmen wie z.B. der Umgang mit Handys.
Die Staatsorgane sind verunsichert, weil sie die Bedeutung unserer Gruppe politisch völlig falsch eingeschätzt haben und sehen, dass wir erfolgreich arbeiten. Die Leute an den Schreibtischen und in den Uniformen denken in bürgerlich-juristischen Kategorien, sie verstehen unsere Gedanken und unser Handeln nicht. Das ist es auch was ihnen am meißten Angst macht, dass sie uns nicht „berechnen“ können. Letzten Endes bleibt revolutionäre Arbeit die beste Maßnahme gegen Repression. Je stärker und organisierter unsere Klasse ist, desto besser können wir zurück schlagen und uns gegen ihre Repression verteidigen. Im Kampf um die Macht werden wir den Spieß irgendwann umdrehen.

Rote Szene Hamburg im Sommer 2012

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