Haiti?!

Am 12. Januar 2010 erschütterte Haiti ein schweres Erdbeben. Nach Angaben der Regierung kamen durch das Beben vermutlich 200.000 Menschen ums Leben. 250.000 weitere Personen wurden verletzt und 1,5 Millionen obdachlos. Seit dieser schrecklichen Naturkatastrophe ist der öffentliche Blick von Medien, Regierungen und Bevölkerung auf das kleine Land der Insel Hispaniola gerichtet, das das Nachbarland der Dominikanischen Republik ist und südöstlich von Cuba liegt. Hilfsgüter werden auf die Insel gebracht um die Bevölkerung zu versorgen und Spenden zur Finanzierung dieser Versorgung werden zur Verfügung gestellt. Doch wie sah die politische Lage vor der Katastrophe aus und wie wird sie höchstwahrscheinlich danach wieder aussehen?

Seit 1697 war der westliche Abschnitt der Insel ein Teil der französischen Kolonie. Diese war die reichste Kolonie Frankreichs. 1791 kam es zu einem Sklavenaufstand, der zu einem Bürgerkrieg führte, an dem alle Bevölkerungsgruppen vor Ort mitwirkten. Der Sklavenaufstand konnte sich durchsetzen und am 1. Januar 1806 wurde die Unabhängigkeit Haitis von Frankreich erklärt. Bis 1922 konnten auch der Norden und Osten(heute Dominikanische Republik) von der Sklaverei befreit werden. Für die Anerkennung dieser Unabhängigkeit forderte Frankreich fast das gesamte 19. Jahrhundert Entschädigungszahlungen für ehemalige Plantagebesitzer. Diese Zahlungen überstiegen die Leistungskraft Haitis bei weitem. Zusammen mit politischer Instabilität, Umstellung der Landwirtschaft von der Deckung des eigenen Bedarfs auf Exporte in die USA, die sich politisch und militärisch immer wieder in die Geschehnisse Haitis einmischten, und später in den NAFTA-Raum und langjähriger Misswirtschaft führte dazu, dass Haiti sich zum „Armenhaus Amerikas“ entwickelte.

Die politische Instabilität und der nun seit vier Jahrhunderten andauernde Imperialismus führen zu erschreckenden Zahlen und Statistiken der dortigen Gesellschaft. 50% der Bevölkerung ist unterernährt, knapp 20% sind chronisch unterernährt. Etwa 80 % der Haitianer müssen von weniger als 2 US-Dollar am Tag leben. Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen lag 2007 bei ca. 600 US-Dollar. Die Analphabetenquote liegt bei 50 Prozent, obwohl eine sechsjährige Grundschulpflicht besteht. 1995 waren 55 Prozent der Bevölkerung Analphabeten.
Letztendlich lässt sich sagen, dass über 65 Prozent der Gesamtbevölkerung unterhalb der absoluten Armutsgrenze leben.
Dieser Zustand herrschte vor dem verheerenden Erdbeben, das die aktuelle Lage ein weiteres Mal drastisch verschlimmert hat. Wie dieses Land so verarmen konnte, lässt sich bereits zum großen Teil durch geschichtliche Geschehnisse erklären. Doch scheint auch klar zu sein, dass unabhängig von einer kurzfristigen Spendenflut, die an ökonomischen Verhältnissen nichts ändert, der Lauf der Geschichte Haitis weitergehen wird und sich die Situation zu vor dem Beben eher verschlechtern als verbessert wird. Natürlich ist die Soforthilfe für die Opfer des Erdbebens primäre Aufgabe der jetzigen Hilfe. Jedoch wird dadurch umso wichtiger, dass der gesellschaftliche Normalzustand Haitis nicht akzeptiert wird. Während die USA und andere bürgerliche Staaten zurzeit Moralpredigen halten und ihr Beileid aussprechen, sind diese seit Jahrhunderten dabei, aktiv an der Ausbeutung und Ausplünderung Haitis mitzuwirken und das Verwarlosen einer Gesellschaft zu beobachten und zu dulden.

Situation und Doppelmoral

Die verheerende Auswirkung des Bebens wurde leider durch menschliche Faktoren stark befördert. Nicht nur alleine der Fakt, dass Haiti auf zwei tektonischen Platten liegt, sondern vor allem dass durch Korruption und Armut die Bausubstanz und Stabilität von Häusern meist sehr schlecht ist, macht die Auswirkung der Katastrophe so verheerend. Die Wellblechhütten der Slums von Port au Prince seien nach Augenzeugenberichten während des Erdbebens einfach „den Berg herunter gerollt“ oder wie Kartenhäuser in sich zusammen gefallen. (Nicht nur in vielen lateinamerikanischen Ländern leben die ärmsten Menschen der Städte dicht bedrängt in Slums, meist auf Berghängen, am Stadtrand). Doch nicht nur die Behausungen und Häuser von Menschen stehen brüchig, so ist auch der Präsidentenpalast mit geradezu symbolischem Effekt eingestürzt. Nun ist man dabei zu diskutieren die Stadt Port au Prince komplett zu verlegen, um somit zukünftigen Beben möglichst vorzubeugen. Die Bedenken, dass dabei lediglich Regierungsgebäude, Villen der Reichen und sonstige bourgeoise Bauwerke „verlegt“ werden, sind angebracht. Ein Konzept für die armen Menschen Haitis gab es nicht und gibt es nicht. Die Verstädterung, die zu einer dichten Besiedlung führt, stellt ein typisches Problem eines sog. „Entwicklungslandes“ dar, doch gerade erst die dichte Besiedlung der Stadt und die schlecht gebauten Häuser machten die Auswirkungen der Katastrophe so verheerend. Für die Zukunft muss leider mit neuen Erdbeben in Haiti gerechnet werden, sodass ganz deutlich ist, dass es so wie jetzt nicht weiter gehen kann. Eine Einmalhilfe, die Akutfolgen beseitigt, ist heute am Laufen, doch eine bleibende und maßgebliche Hilfe für dieses Land ist nicht abzusehen. Sie wäre jedoch dringend nötig um bei weiteren Erdbeben präventiv so gut wie möglich vorzusorgen.

Natürlich ist es erfreulich, wenn dem Land in so kurzer Zeit Hilfe zugesagt wird, sowohl von staatlich/institutioneller Seite als auch von Hilfsorganisationen und Privatmenschen. Doch wir möchten zu bedenken geben, dass vor der Katastrophe das Schicksal der haitianischen Bevölkerung vielen Menschen im Rest der Welt nicht bekannt oder gleichgültig war; allerhöchstens kam man mal auf die Idee Haiti zu googlen, wenn man es etwas von Wyclef Jean und den Fugees zu hören gab. Wir möchten natürlich nicht den Sinn und die solidarische Motivation einer Geldspende in Abrede stellen, doch scheint es, dass vor allem zur Weihnachtszeit in Deutschland gerne gespendet wird. Zur Befriedigung des moralischen Empfindens („Ich bin ja ein ganz Netter, habe mal wieder UNICEF was gelassen“) oder der Stillung eines schlechten Gewissens lässt man also hin und wieder mal ein wenig Geld springen. Auch wenn eine Spende natürlich eine hilfreiche Sache ist, so ist sie oft ein einmaliges Ereignis, was aus egoistischen Bedürfnissen entsteht. Wer interessiert sich heute noch für Banda Aceh (Indonesien), wo 2004 ein Tsunami mit ähnlich vielen Toten wütete? Die deutschen Urlauber sind weg und in Phuket (Thailand) wird wieder gefeiert. Wer hat auch Jahre später noch gespendet, um beispielsweise die Infrastruktur des betroffenen Gebietes wiederherzustellen? Wer von diesen Menschen gibt BettlerInnen auf der Straße Geld oder schreitet ein, wenn die U-Bahn-Wache Obdachlose drangsaliert? Wer kommt auf die Idee sich für andere Menschen einzusetzen oder organisiert Essen für die Bahnhofsmission?

Wir fordern eine solidarische Grundhaltung aller Menschen ein und nicht eine sporadische Wohltat, die aus der egoistischen Absicht entsteht sein Gewissen ein wenig zu beruhigen oder sich profilieren zu wollen. Spendengalas im TV treiben zwar Geld ein, aber warum kommt das Geld nicht auch so? Warum muss es erst einen Eventcharakter haben? Die Promis zeigen heute ihre bedrückte Fresse und gehen morgen wieder für tausende Dollars shoppen.

Auch wenn Haiti maßgeblich von einer Naturkatastrophe getroffen wurde, so sollten doch gerade in so einem Moment die menschlichen Auswirkungen und Folgen beleuchtet werden. Zwischen April und Mai fängt in Haiti die Regenzeit an; bis dahin muss gehandelt werden. Noch in Jahren werden Haitis Kinder immer wieder neue Prothesen brauchen. Bis dahin wird der Rest der Welt zum kapitalistischen Normalbetrieb zurück gekehrt sein.
So scheint es, dass die große Spendenbereitschaft nach dem Erdbeben in Haiti oder dem Tsunami im indischen Ozean 2004 nicht unelementar daher rührt, dass das Leiden der Menschheit auf eine besonders schwere Naturkatastrophe zurückzuführen scheint. So macht man ein Entsetzen deutlich den Gewalten der Natur hilflos ausgeliefert zu sein, um dadurch, vereint im Elend, die Schrecken des Kapitalismus auszublenden und zu relativieren.
Tagtäglich sterben zehntausende Menschen an den Folgen des Kapitalismus. Ein kleines Erdbeben jeden Tag.

365 Tage solidarisch im Jahr!


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