Carlos, kein Vergeben, kein Vergessen!

Vielleicht habt ihr schon den kurzen Bericht aus Leningrad gelesen, den RSH vor einiger Zeit veröffentlichte. Vielleicht hat er ja sogar Lust auf mehr geweckt. Hoffentlich jedoch gefällt euch nun nachfolgender Bericht aus Madrid. Die Impressionen entstanden am Rande einer Schulreise, sodass ich leider nur wenig Möglichkeiten und entsprechend Zeit hatte, „andere“ Erfahrungen außer dem üblichen Sightseeing zu machen. An dieser Stelle wieder der Hinweis, dass ich weder sämtliche Informationen zu einem „Antifa-Madrid“ Referat zusammentragen möchte, noch dass alle Mitglieder ihre Aktien in diesem Text haben. Es ist der subjektive Bericht einer Einzelperson.

Wo fang ich an? Am besten bei der RSH-Soli Aktion für den getöteten Genossen Carlos Palomino. Carlos Palomino war ein 16jähriger Antifaschist, der sich am 11.11.2007 mit Freunden auf den Weg zu einer Demonstration gegen eine rechtsradikale Kundgebung machte. Die legale Partei Democracia Nacional (DN) wollte sich unter dem Motto „Gegen antispanischen Rassismus und gegen die Einwanderung.“ versammeln. Bei der Station Legazpi stiegen Carlos und viele andere GenossInnen in die Metro ein, um sich auf den Weg zur Gegendemonstration zu machen. Doch dort wartete schon der Berufssoldat Josué Estébanez de la Hija, der sich mit anderen Neonazis auf dem Weg zur rassistischen DN-Kundgebung befand. Als die GenossInnen den Metrowagon betreten, steht der 24jährige schon mit seinem Armeemesser hinter dem Rücken bereit und sticht Carlos unversehens ins Herz, als dieser ihn auf seine Naziklamotten anspricht. Es folgte ein Tumult, einem weiteren Genosse wurde die halbe Lunge zerstochen, doch der Nazi auf seiner Flucht durch seine Verhaftung vor den ca. 200 Leuten, die mit Carlos unterwegs waren, „gerettet“. Weitere Infos und Dokumentationen zu diesem Mord, sowie das Video der Überwachungskamera, sind unten verlinkt.

Wir von RSH, fühlen uns als Jugendliche nochmal besonders mit Carlos, seinen Freunden und seiner Mutter verbunden. Unser Genosse war in etwa im selben Alter wie wir, hatte ähnliche politische Ansichten und war auf dem Weg zu einer politischen Aktion, die vollends auch unserem politischen Anspruch entspricht. Deswegen betrachten wir ihn als einen von uns. Wer weiß, ob nicht ich, du oder sonst wer, würden wir in Madrid leben, vor dem Messer gestanden hätten? Wir alle haben in unserem Umfeld Menschen, die von rassistischer Einschüchterung und Gewalt betroffen sind; doch ein Mord setzt dem nochmals in seiner Widerlichkeit ein Stück unbeschreiblichen Ausmaßes herauf.

Neu ist es leider bei weitem nicht, dass Nazis gezielt und ungezielt Leben beenden. Das Leben unserer GenossInnen und anderen Menschen, die nicht in ihr Weltbild passen. Nicht nur in Deutschland, Spanien oder Russland, sondern überall auf der Welt. Doch hierbei dürfen wir uns nicht auf Zahlen und Tatsachenberichte verschränken und (somit) ihre Mord hinnehmen, sondern zwangsläufig auch die private Ebene, das Persönliche suchen und finden. Ein solches Geschehen, wie ein Mord, erzeugt vor allem bei den direkt Betroffenen ein Meer aus Gedanken und Gefühlen, auf dem wir sie nicht alleine und ziellos lassen dürfen; auch das beinhaltet antifaschistische Arbeit, dass wir ihnen zeigen, sie sind nicht alleine! Durch ein angemessenes Gedenken wird man den Ermordeten gerecht, fördert die persönliche „Aufarbeitung“ des Geschehens im Umfeld der betroffenen Personen und setzt somit deutlich mahnende Zeichen. Zeichen, die jedoch leider viele Menschen nicht wahrhaben wollen. Wir alle könnten uns in derselben Situation einmal wiederfinden; deswegen schafft räumliche Distanz keine persönliche Nähe ab.

Ein Dank an dieser Stelle an das Polit-Café Azzonaco für ihre Arbeit, die sich des Gedenken an ermordete GenossInnen wie Carlos aus Madrid, David Cesare aus Mailand, Schmuddel aus Dortmund, Fidei aus Moskau und weitere, angenommen haben.

Soweit es RSH also möglich war sich in Madrid solidarisch mit dem Umfeld von Carlos zu zeigen, um deutlich zu machen, dass nichts vergessen und nichts vergeben wird, dass wir zusammenstehen – weltweit – so wurde versucht dies zu tun. Im Namen von RSH wurde ein Gruß an der Metrostation Legazpi hinterlassen, der zugegebener Maßen eher symbolischen Wert besitzt. Doch an dieser Stelle mag ich behaupten, dass der Wille zählte – und um diesen eben deutlich zu machen eine Verbreitung über das Internet. An dieser Stelle sei erwähnt, dass vor allem Nazis aus dem Ruhrgebiet sich solidarisch mit Carlos‘ Mörder zeigen und ihre verwirrte Sympathie für solch eine Tat und den Täter zeigen wollen. Dem setzen wir hiermit deutlich etwas entgegen.

Solidarität mit GenossInnen weltweit. Kein Vergeben, Kein Vergessen.

Rote Szene Hamburg im Oktober 2009

Es folgt baldnoch ein Text mit „allgemeinen“ Eindrücken. Hier aber schonmal einige Links zu Antifas in Madrid und dem Mord an unserem Genossen Carlos. Wer ein Carlos-Shirt kaufen möchte, sollte es mal mit einer email an potencial hardcore versuchen. Guter Druck und fairer Preis!

http://madrid.antifa.net/
http://madrid.indymedia.org/
http://bafmadrid.blogspot.com/
http://lahaine.org/
http://www.csolatraba.nuevaradio.org/
http://de.indymedia.org/2009/05/250170.shtml
http://linksunten.indymedia.org/de/node/6622
http://www.nodo50.org/potencialhc/

Bilder aus Madrid.

Update: Der Täter wurde nun zu 26 Jahren Haft verurteilt, da das Gericht unter anderem die faschistischen Motive hinter dem Mord erkannte. Das mag einerseits ein „Fortschritt“ für spanische Verhältnisse sein, andererseits ist es keine Lösung gegen faschistische Gewalt, Übergriffe und Morde. Kurzer Bericht.