Versagio Colluci, Diesel, Armani,

Prada, Dolce&Gabbana und viele mehr. Was viele zuerst an eine Modenschau erinnert war leider politisch deutlich brisanter. Am vergangenen Samstag lief die wohl am teuersten gekleidete Demonstration die Hamburg je gesehen hat vom Gänsemarkt zum Rathausmarkt. Aufgerufen hatte das Bündnis „Wir wollen Lernen“ um den Anwalt Walther Scheuerl. Ihr Ziel: die Hamburger Schulreform stoppen. Die Hamburger Schulreform, welche eine sechsjährige Grundschule („Primarschule“ genannt) und als weiteren Bildungsweg das Gymnasium und eine Stadtteilschule vorsieht wird dabei auch gerne mal als „Staatssozialismus“ bezeichnet. Doch warum ist die Hamburger Schulreform der Oberschicht so ein Dorn im Auge? Der Hauptschulabschluss wird abgeschafft und auf der neu eingerichteten Stadtteilschule kann entweder der Realschulabschluss oder nach 13 Jahren, also einem Jahr länger als auf dem Gymnasium, das Abitur erworben werden. Somit wird also nicht schon, wie bisher üblich, im Zweifelsfall ein 10-jähriger auf die Haupt- und Realschule geschickt und ihm somit alle Türen zu einer Universität verschlossen.

Warum also gegen die Reform?

Der wohl wichtigste Grund dafür, dass die Porschefahrer auf die Barrikaden gehen ist die Abschaffung des Elternwahlrechts. Von nun an wird die Schulkonferenz verbindlich darüber entscheiden welche Schulform für eine/n Schüler_in am geeignetesten ist. Es steht also zu befürchten, dass die Eltern nun nicht mehr fix zwischen zwei Geschäftsreisen über den schulischen Werdegang ihrer Kinder entscheiden können. Der prestigeträchtige Besuchs eines wohlbekannten und angesehen Gymnasiums droht verhindert zu werden und das eigene Kind könnte gar auf der Stadtteilschule zusammen mit Kindern aus sozial benachteiligten Familien gemeinsam lernen. Für die Konsorten rund um Walther Scheuerl offensichtlich eine schreckliche Vorstellung, da spielt es auch keine Rolle, dass es in jedem Falle dem Kind möglich ist das Abitur zu erreichen, auch auf der Stadtteilschule.

Propagandawirksam log sich Walther Scheuerl die Zahl der Demonstrationsteilnehmer_innen auch noch auf 6.000 hoch, die tatsächliche Teilnehmerzahl dürfe wohl knapp bei der Hälfte gelegen haben. Menschen ohne Markenklamotten oder gar mit Migrationshintergrund ließen auf der Demo kaum ausmachen, stattdessen setzte „Wir wollen Lernen“ wohl lieber auf den Promifaktor und ließ den überzeugten FDP-Anhänger und Schauspieler Sky Dumont als Redner auftreten. Überhaupt war die FDP als einzige Partei vertreten, ein bezeichnendes Beispiel dafür in welchen Kreisen Walther Scheuerl überhaupt Unterstützung genießt.

Was die Zukunft bringt:

Für Mitte Oktober ist ein Volksbegehren geplant um einen Volksentscheid herbei zuführen um die Reform, deren Umsetzung bereits in vollem Gange ist, doch noch zu stoppen. Wir sind gespannt wie viel Volk sich innerhalb der drei Wochen zu den erforderlichen 63.000 Unterschriften mobilisieren lässt und kündigen bereits jetzt an im Oktober, auch ohne prominente Unterstützung, kräftig mitzumischen. Schließlich wollen wir ja auch lernen, in wieweit wir in diesem Punkt konkret mit den Initiatoren von „Wir wollen Lernen“ übereinstimmen ist jedoch fraglich. Als man bei der letzten großen Demonstration dieser Art Anfang Sommer die Teilnehmer mit einem „Eine Schule für alle statt Bildungseliten“ Transparent überraschte und sich an die Spitze der Demonstration setzte reagierten Scheuerl&Co nicht nur mit „demokratischen Appellen“. Von der Herbeirufung von Polizeibeamten über wüste Beschimpfungen, Gewaltandrohungen und Backpfeifen fuhr man alles auf um jede Form von Störung zu unterbinden. Da bekanntlich der Gegner das Maß der Eskalation festsetzt sind wir gespannt darauf ob „Wir wollen Lernen“ auf ähnliche Art und Weise begegnet wird wenn es Mitte Oktober auch außerhalb der Elbvororte zu Infotischen und Unterschriftensammlungen kommt.

Weiterführende/Interessante Links:
http://www.wir-wollen-lernen.de/
http://de.indymedia.org/2009/04/247597.shtml (Stellungnahme des Hamburger Schulstreikbündnis zur letzten Demo Anfang Sommer)